Olivenöl und Bluthochdruck
Betrachtet man die großen Bevölkerungsstudien, zeigt sich ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Ernährung und Blutdruck. Beispielsweise haben Vegetarier signifikant niedrigere Blutdruckwerte als Nicht-Vegetarier. Auch die mediterrane Ernährungsweise hat einen positiven Einfluss auf den Blutdruck. So findet sich in Italien ein durchschnittlich niedrigerer Blutdruck als bei Finnen und Schotten.
Man weiß, dass die täglich eingenommene Menge an Salz den Blutdruck beeinflusst, ist sich aber unsicher, welche Faktoren im Detail für niedrigere Blutdruckwerte in den mediterranen Ländern verantwortlich sind. Es scheint, dass der Ersatz von Fleisch durch vegetarische Produkte, aber auch die Einnahme von Olivenöl den Blutdruck beeinflusst. Möglicherweise spielt auch die Zusammensetzung der eingenommenen Salze (Kalium, Kalzium und Magnesium) eine Rolle.
Auch wenn die großen Untersuchungen diverse Schwächen vom wissenschaftlichen Standpunkt aus haben (ungenaue Blutdruckmessung durch die Patienten selbst oder ungenaue Angaben über die Ernährungsweise), sind doch die Ergebnisse richtungweisend und zeigen auf einen günstigen Effekt vegetarischer bzw. mediterraner Diät hin. Als Beispiel möchte ich das Multiple Risk Factor Intervention Trial (MRFIT) nennen, an dem 1200 Teilnehmer mitgewirkt haben, welches zeigte, dass die Einnahme von gesättigten Fettsäuren bzw. Cholesterin mit erhöhten Blutdruckwerten korreliert. Im Gegensatz dazu stand die Nurses Health Study, an der 58.000 gesunde Krankenschwestern teilnahmen.
In dieser Studie zeigte sich kein Zusammenhang zwischen Bluthochdruck und Einnahme von gesättigten bzw. ungesättigten Fettsäuren. Ein ähnliches Ergebnis brachte eine Untersuchung an 30.000 amerikanischen Männern, die im Gesundheitsbereich arbeiteten.
In einer spanischen Studie wurden zwei Gruppen von Hochdruckkranken verglichen: Die eine Gruppe erhielt viel Sonnenblumenöl, das reich an mehrfach ungesättigten Fettsäuren ist, die andere vorwiegend Olivenöl, das reich an einfach ungesättigten Fettsäuren ist. Schon nach vier Wochen zeigte die Olivenölgruppe eine statistisch sichere Blutdrucksenkung, was nach dieser kurzen Zeit bemerkenswert ist. Andere Studien wiederum untersuchten Patienten mit normalem Blutdruck und stellten die Frage, ob sich ein hoher Blutdruck entwickeln könnte oder wie sich ein hoher Blutdruck unter entsprechenden diätetischen Maßnahmen entwickelt. Die Ergebnisse dieser Untersuchung wiederum lassen sich nicht für Patienten mit schon bestehendem hohen Blutdruck anwenden.
Eine andere interessante italienische Studie versuchte den Weg andersherum: Hier wurde die normale mediterrane Diät durch eine Diät – reich an gesättigten Fettsäuren – ersetzt. Es wurden bei diesen Patienten spezielle Essgewohnheiten (Olivenöl, Ballaststoffe und Gemüse) durch Milchprodukte und Fleisch ersetzt. Bereits nach sechs Wochen war der Blutdruck bei den Patienten signifikant angestiegen. Nach Rückkehr zu den bekannten mediterranen Essgewohnheiten normalisierte sich auch der Blutdruck wieder.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Fetten in der Ernährung und Blutdruck noch nicht endgültig beantwortet ist. Es gibt allerdings Hinweise, dass eine mediterrane Diät, welche die Einnahme von Olivenöl, vielen Ballaststoffen, Gemüse und Früchten beinhaltet, einen günstigen Effekt auf den Blutdruck hat. Was offen bleibt, ist die Frage, ob tatsächlich nur einzelne Nahrungsbestandteile, zum Beispiel die Art der aufgenommenen Fette, Kalium oder Ballaststoffe, als Einzelkomponenten verantwortlich sind oder ob es die Gesamtheit der mediterranen Diät ausmacht.
Woraus besteht Olivenöl?
Olivenöl besteht zu etwa 70 % aus einfach ungesättigten Fettsäuren mit Spuren des oxidationshemmenden Vitamins E und zu einem Viertel aus mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Es enthält kaum gesättigte Fettsäuren und kein Cholesterin. Im Olivenöl sind überdies viele pharmakologisch interessante Wirkstoffe enthalten; über diese wird in der Fachwelt heftig diskutiert. Zu diesen Stoffen gehören zum Beispiel die so genannten Iridoide, die ähnlich wie Antibiotika wirken. In der Natur schützen sie vermutlich die Oliven vor dem Befall von Viren und Bakterien. Welche Stoffe insbesondere das Herz schützen, ist in Diskussion. Ähnlich wie beim Wein weiß man beim Olivenöl noch nicht genau, welche der zahllosen Inhaltsstoffe für den möglichen Herzschutz verantwortlich sind. Stellen Sie sich vor: Allein 800 verschiedene chemische Substanzen sind für Geruch und Geschmack des Weines verantwortlich. Es mag noch ein Jahrhundert vergehen, bis man weiß, welche die entscheidenden herzschützenden Stoffe in Olivenöl oder Wein sind.
Zu den wichtigsten Wirkstoffen im Olivenöl gehören aber das Oleuropein, das 2-3-4-Dihydroxyphenylethanol, die Alpha-Linolensäure und das antioxidativ wirksame Vitamin E, das die Zellwände vor schädlichen Angriffen freier Radikalen schützt. Solche freie Radikale sind geladene Sauerstoffmoleküle oder ähnliche chemische Verbindungen, die eine Oxidation der Zell- und Gefäßwände bewirken können. Vergleichbar sind diese Radikale mit dem Salz der Straßen im Winter, welches das Auto schneller rosten lassen. Olivenöl würde in diesem Zusammenhang einer Einbrennlackierung oder sogar einer Vollverzinkung entsprechen. Eine weitere wesentliche Komponente ist die so genannte Alpha-Linolensäure, welcher verschiedene Wirkungen auf die Blutgerinnung, aber auch auf Herzrhythmusstörungen nachgesagt werden. Weiters scheint Olivenöl auch organische Verbindungen zu enthalten, welche die Ablagerung von Cholesterin in den Arterienwänden hemmen und beseitigen sowie die Bildung von gefäßverstopfenden Blutgerinnseln bremsen.
Weitere Wirkstoffe im Olivenöl sind sekundäre Pflanzenwirkstoffe wie Squalen und Phytosterine (Betasitosterin). Diese haben ebenso wie Phenole, Tocopherol und diverse Geschmacks- und Aromastoffe einen günstigen Effekt auf die Gesundheit. Zahlreiche experimentelle Studien sowie epidemiologische Untersuchungen unterstützen diese Überlegungen.
Quelle: Prof. Dr. Dr. med. Robert Gasser in „Medizin auf dem Teller“, erschienen im Verlagshaus der Ärzte

